Grabis Blog

Der ehemalige Deutsche Meister und Neuisenburger Stadtmeister Michael Grabarczyk bringt uns neuerdings in einer Gastkolumne seine Sicht auf das Backgammon-Spielen und den HessenCup näher.

Backgammon für Rhetoriker - Die Chouette (29.06.2010)

Eine Chouette oder auch "Die Chouette" ist etwas, was es eigentlich nicht gibt. Backgammon kann man ja bekannter Weise nur zu zweit spielen. Eine Chouette ist aber erst dann eine Chouette, wenn man mindestens zu dritt ist. Backgammon mit mindestens drei Beteiligten kann demnach zu einer Chouette werden. Für die Gestaltung einer Choutte selbst gibt es nun noch mehr Varianten als Favoriten zum Beginn einer Fußball WM.

Backgammon mit "Schmakkes" repräsentiert immer auch das Aufeinanderprallen von Interessen. Wer darf, soll, muß, darf nicht, soll nicht, muß nicht mitspielen? Wer will überhaupt mitspielen? Wie hoch ist die Kirschkernquote? Wie lange will man spielen, wer kann mittendrin einsteigen, wer aussteigen? Wann ist Kirschkern Ernte? Wie unterhaltsam soll die Chouette werden? Die Frage nach der Unterhaltsamkeit ist interessant. Denn nicht jeder versteht unter Unterhaltung das gleiche, oder auch nur annähernd das Gleiche. Die Frage nach der Unterhaltung ist wiederum in einer Chouette von zentraler Bedeutung. Manche, die gerne eine 3er Chouette spielen, spielen weniger gerne die 4er. Und nur widerwillig in einer 5er Chouette. Übersetzt: 3er, 4er und 5er sind die Anzahl der Teilnehmer.

Consulting in einer Chouette. Beratung, Manipulation oder doch Rhetorik? Das Consulting macht die Chouette zu einer lehrreichen Angelegenheit. Aber wer darf consulten, und wieviel Consulting ist erwünscht? Eine bewährte Regel ist, daß erst ab Cube beraten werden darf. Es macht mehr Spaß, man kann als Captain seinen Stiefel spielen und wenn es dann richtig interessant wird, kann jeder seine eigene Entscheidung treffen. Automatics.. In einer Chouette sollte jeder damit leben können, daß die Box die Option hat, bei gleichem Anwurf auf der 2 anzufangen. Was ist, wenn die Box die Option wahrnimmt und auch beim nächsten Anwurf das Pärli kommt? Soll übertragen werden? Soll übertragen werden, aber nur, falls der gleiche Spieler in der Box bleibt? Oder soll der Übertrag automatisch auf die nächste Box als Option übertragen werden? Wenn es schon Möglichkeiten gibt, einen Kompromiß zu finden, sollte man sich auch darüber unterhalten. Man könnte sich also darauf verständigen, daß man nur die jeweilige Box seine "eigenen" Optionen nutzen läßt. Oder, daß es maximal einen Übertrag gibt (diese Regelung würde ich natürlich zu verhindern suchen). Hiervon abgesehen, kann die Box individuell mit jedem einzelnen Spieler nach gut dünken Automatics oder gleich von vornherein den kompletten Stake individuell aushandeln. Es starten also in der 6er Chouette 4 Würfel normal auf 0, Metin (Box) und mein Würfel starten automatisch immer auf der 4, bei Anwurf Pärchen gehen 4 Würfel auf die 2 (Metins Box Option) und meiner auf die 8.

Zu empfehlen ist es mit split decision Speed up zu spielen. Die Box doppelt. Schön, soll vorkommen. Nur der Captain möchte nehmen und weiter spielen, die anderen sind eher gelangweilt. Das muß nicht sein! Domestos! Weißer Riese! Spüli! Es kommt in einem solchen Fall (Neuerdings auch in Frankfurt und Umgebung) immer öfter zur sogenannten Bounty - Situation.

MEUTEREI. Die Crew will den Captain vom sinkenden Schiff werfen, oder sich selbst in einem Rettungsboot davon machen. Friß oder stirb. Konkret sieht das meist so aus: Der Captain will nehmen, die anderen werfen weg, ich will auch wegwerfen, aber mit dem Captain Propo setzen, weil ich nicht ohne Action sein möchte. Und schon ist die 1 Mann Meuterei da, jedoch gehe ich als Anzettler in der Regel selbst von Bord und der Captain spielt allein weiter und die Chouette in der Folge ohne mich. Aber das ist no big Deal. Ich heuere auch schnell wieder andernorts an, diesmal aber nach meinen Regeln. Und hier sind wir wieder bei der Frage des Geschmacks. Das Leben ist hart genug, oder? Ich bin ja kein Unmensch, also man sollte den split decision speed up unforced spielen: Der Captain sollte mmer die Gelegenheit haben, den Würfel nachträglich abzulehnen. Das ist meine Meinung. Vor allem wenn wir in Deutschland und Umgebung (zum Beispiel Frankreich oder Italien) spielen. Huch... Ich bin schon wieder mal spät dran.... EOF

Start und Landung (05.06.2010)

Wir schreiben das Jahr 2010 und ich selbst komme aus einer anderen Zeit.

Also mit den Regeln und dem aufstellen, woher bekam man da die Info? Trick Track scheint ja nur die einfache Variante zu sein. Mit Backgammon war das für einen Deutschen ja nicht so easy, jeder hatte schon mal in seiner Spielesammlung ein Backgammon Spielfeld gesehen, aber nur die Griechen, Perser, Türken etc. hatten das drauf und bei denen ging es immer rucki zucki, nix comprende.

1985 rollte ich zum ersten Mal die beiden Würfel um meine erste Partie semi-Trick Track Puff zu gewinnen, denn man hatte halt das Spielfeld, aber Backgammon sah zu kompliziert aus, man kannte die Regeln nicht. Vielleicht waren es damals sogar 15 Steine, so sicher bin ich mir da aber nicht.

Die Regeln selbst, ohne Doppler, lernte ich auf der Uni durch Manuel aus "Mannem" kennen, der zu meinem Backgammon-Meister wurde. Er konnte nicht nur die Steine aufstellen, sondern bis ich einmal 2 Spiele in Folge gewinnen konnte, das dauerte schon einige Wochen.

Auf einer harmlosen Disco-Tour habe ich dann zufällig einen Schulfreund getroffen, der bereits auf Backgammon getrimmt war und sogar den Doppler kannte und Beavern und mehrfach ablehnen etc.

Er fügte mir die erste Niederlage zu, die auch richtig schmerzte. Und auch in der Revanche, einige Wochen später sah ich kein Land.

Motiviert das Spiel zu lernen kaufte ich mir dann "Backgammon" von Alfred Schwarz. Nun konnte ja nichts mehr schief gehen.

Ich hatte mittlerweile also die Regeln, einige Spielfreunde und natürlich immer ein BG Board on Board. So lernte ich immer neue Leute kennen, oder brachte es neuen Leuten bei.

Und im Lauf der Zeit gesellten sich immer mehr begeisterte - manche mehr, manche weniger - um zu spielen. Über meine Freunde lernte ich dann einen Perser kennen, der zur nächsten Herausforderung wurde. Nächte wurden durchgespielt, schätzungsweise chaotisch, alles andere wurde zur Nebensache.

Peter Siegert aus Hanau rief dann eines Tage bei mir an (Festnetz natürlich, es gab ja noch keine Handys), er hatte von mir gehört und beim nächsten freien Termin - schätzungsweise am nächsten Tag - ging es dann nach Hanau.

Durch meine Persischen Erfahrungen konnte ich Peter locker paroli bieten, jedoch beim ausspielen war er mit dem Würfel erfahrener als ich. Irgendwie schien er mehr zu wissen? Er lüftete das Geheimnis um seine Bibliothek mit Danny Kleinman und den anderen. Ich kaufte einige Bücher und fuhr mit ihm auf mein erstes richtiges Turnier nach Worms, es folgten Wiesbaden Fritz Brandes und Hockenheim von Dieter "Snake" Siegfried und Klaus Feierstein.

Anfang der 90er Jahre ging es dann international auf erste Turniere, Holland, Venedig und Slowenien, In der Südwest Deutschen BG Rangliste wurde ich als 65. und letzter noch gerade so auf die Din A 4 Seite gequetscht.

Nächster Milestone war für mich die Bonzo-Gauselmann Backgammon Tour ind 12 Stationen und 12 Städten in Deutschland. Hier traten die deutschen Hardkaliber an und einige internationale Aspiranten.

In 2 Jahren vom 65. der Südwest Rangliste zum Gewinner in Venedig. Das war mein erster Turniererfolg.

Im Anschluß ging es nach Dallas, wo ich die US Open mitspielte und keine geringen wie gegen Bill Robertie siegen konnte und gegen X-22 im Vertelfinale aus dem Main Flight ausschied - DMP. Die US Open, mein größtes Turnier bis dato, dort waren natürlich noch weitere bekannte Namen wie Philip Marmorstein, Bob Wachtel, Hugh Sconyers und andere unterwegs.

Und in einem Nebenraum, frei für Raucher, tummelten sich Jim Scott in seiner Chouette mit wechselnden Spielern wie Telmedge Tinsely, Svobo, Snellings, Dennis Culpepper, Malcom Davis und an einem Nebentisch Gus Hansen, der einem anderen mir nicht bekannten fortgeschrittenem Spieler seine Spezialitäten erklärte. Gus war mir damals auch nicht bekannt, er war Däne, lebte in New York und man wußte er finanzierte sich durch Backgammon und andere Spiele.

Nach dem Turnier ging es dann noch einige Tage in der Chouette mit Jim Scott, Lady Di, Stu Hosen Malcom Davies, "Z" und "The Artist" Mr. Jones zur Sache, bis ich dann aufgrund von akuten Geldmangels mein Open Ticket definierte und den Rückflug antrat.

Nach so viel Training, von Frank Van Beek geliehenen 1000 DM und und mit entsprechendem Luck-Faktor war es dann natürlich immer noch unglaublich, die 1st German Bonzo Backgammon Open zu gewinnen und meinen Namen endgültig in die BG Geschichte ein zu meisseln.

In den nächsten Jahren folgten jede Menge deutsche Turniere, Chouettes und Head Ups, sowie internationale Turniere unter anderem in Kenia, Istanbul, Frankreich, Slowenien und Italien, bei denen ich jedoch nicht an meine großen Erfolge anknüpfen konnte.

Somit wurde es Zeit, wieder zu landen.

Backgammon geriet in Vergessenheit.

Aber nicht ganz.

Nach mehreren Jahren holte mich Klaus Bierhenkel praktisch wieder in die Szene zurück und Heribert Lindner lehrte mich einige Monate lang, daß die Uhr sich weiter gedreht hatte.

Leidenschaft (08.05.2010)

Beim letzten Monatsturnier in Bergen Enkheim habe ich doch tatsächlich in einem Mix aus Erleichterung, Ungläubigkeit und Freude meinen Würfelbecher in die Ecke geworfen, als ich mit Schlußpasch mein DMP gegen Ralf gewonnen habe. Wie kann das passieren? Wie kann man sich so gehen lassen? Wie kann man überhaupt 20 Jahre lang Backgammon spielen?

Wie kann man jeden Monat einen ganzen Samstag - egal bei welchem Wetter - auf einem BG Turnier verbringen? Monat für Monat, Jahr für Jahr. Backgammon ist Leidenschaft pur, so viel steht fest. Nur die Leidenschaft läßt uns immer und immer wieder zum Würfel greifen und aufs neue die 15 Spielsteine aufbauen und loslegen.

Zum Glück gibt es Euch, die Gleichgesinnten, mit denen man sich messen kann. Die, die einen besiegen oder die, die man besiegen kann. Die, die sich am Rande der Niederlage verzweifelt und erfolglos wehren, oder die, die einen selbst rauskatapultieren. Und jeder Sieg und jede Niederlage schließt ein weiteres Kapitel Backgammon Geschichte und ist gleichzeitig der Start für eine neue Revanche irgendwann und irgendwo.

Wir als Backgammon Spieler haben es nicht leicht; Viele begreifen nicht, daß wir so viel Spaß an dem Spiel haben und sie würden niemals auch nur annähernd so viel Zeit und Energie in das Spiel investieren. Aber was gibt uns das Spiel eigentlich? Wir können Jahre lang eine Turnierserie spielen, ohne auch nur einmal ein Turnier zu gewinnen. Und doch glauben wir alle, der nächste oder sogar der erste Turniersieg wird hoffentlich nicht mehr so lange auf sich warten lassen, vielleicht ist es ja heute schon so weit?

Wie viele Jahre müßte man eigentlich eine Turnierserie spielen, damit jeder einmal eines der Turniere gewinnt? Bei 12 Turnieren im Jahr und 60 Teilnehmern sind es zum Beispiel 5 Jahre, wenn jeder genau einmal ein Turnier gewinnen würde.

Es gibt pro Jahr eben nur maximal 12 Turniersieger.

Zum Glück gibt es also die Consolation und auch mit der Consolation kommt man auf 24 Siege pro Jahr und bei 60 Teilnehmern im besten Fall auf 2 einhalb Jahre, bis jeder seinen Main oder Conso Sieg eingefahren hat.

Und doch, er wird kommen, der erste Sieg. Und mit dem ersten Sieg, ob Conso oder Main, sind die vergangenen Tunrierpleiten zunächst einmal vergessen und die Tür für den Sieg, dann aber definitiv in der Main ist aufgestossen.

Und das ist es, um was es geht: Den Sieg!

Und wenn es mit dem Turnier nicht geklappt hat, dann hat man doch vielleicht wenigstens einen Sonnabend, Metin, Heribert oder Jimmy aus dem Tunrier gekegelt.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Na dann Ralf, auf ein neues!